Ratgeber: SimulationFrag den Schulz! Simulation und Wirklichkeit im Einklang
Von
Dr. Martin Schulz*
5 min Lesedauer
Eine Diode für 500 A mit 2000V Sperrfähigkeit soll ausgelegt werden. In Kombination mit dem Kühlsystem darf der Temperaturhub am Chip maximal 85K betragen. Simulation soll zeigen, ob das erreichbar ist.
Dr. Martin Schulz ist Global Principal Application Engineer bei Littelfuse Europe und kennt die Tücken in der Leistungselektronik-Entwicklung.
(Bild: Stefan Bausewein / Littlefuse)
Simulation ist eine Möglichkeit, mit numerischen Mitteln abzuschätzen, was unter gegebenen Bedingungen in einer Applikation geschieht. So gut wie alle physikalischen Vorgänge lassen sich in Gleichungen verpacken, mit denen man berechnen kann, wie sich ein System verhält. Richtig eingesetzt und die Ergebnisse der Simulation richtig interpretiert, stellt das ein mächtiges Werkzeug dar, auch beim Design leistungselektronischer Systeme.
Aber wer kennt nicht die Geschichte des Luftfahrtingenieurs, dessen Simulation ganz klar ergab, dass Hummeln nicht fliegen können? Das GiGo-Prinzip der Simulation bleibt bestehen: Garbage in – garbage out. Womit und wie präzise man die Simulation füttert, und wie man die Simulationsergebnisse interpretiert, hat eben einen erheblichen Einfluss auf die Aussage, die man mittels der Simulation am Ende tätigt.
Die Vorgeschichte
In der nahen Vergangenheit ergab sich die Aufgabe, eine Diode für 500 A mit einer Sperrfähigkeit von 2000 V auszulegen. Sowas ist natürlich kein SMD-Bauelement mehr und selbst bei nur 1 V Vorwärtsspannung entstehen an der Diode 500 W Verlustleistung. In Kombination mit dem Kühlsystem und der Anforderung an Lebensdauer sollte der Temperaturhub am Chip nicht mehr als 85K betragen.
Bevor man sich für das vorgeschlagene Bauelement entschied, sollte eine Simulation zeigen, ob sich die gesteckten Ziele erreichen lassen. Das Bauelement, ein Leistungshalbleiter in Modulbauform mit Kupferbodenplatte, hat einen geschichteten Aufbau wie er in Bild 1 schematisch dargestellt ist.
Bild 1: Geschichteter Aufbau des verwendeten Leistungshalbleiters
(Bild: Dr. Martin Schulz)
Anders als bei heutigen IGBT-Modulen ist ein flächendeckendes Kupferplättchen auf der Frontseite des Diodenchips aufgelötet. Die Verbindung zur Umgebung geschieht in dieser Aufbau- und Verbindungstechnik dann nicht über eine Vielzahl dünner Bonddrähte, sondern über eingelötete Clips.
Diese Technik hat sich im harten Einsatz als besonders robust dargestellt und ist bei Leistungshalbleitern wie Dioden und Thyristoren seit Jahrzehnten im Feld.
Für die Simulationsingenieure scheint so ein Aufbau eine leichte Übung darzustellen, denn sowohl die Materialeigenschaften als auch die Schichtdicken sind sehr genau bekannt. Für eine Simulation stehen also alle benötigten Parameter zur Verfügung.
Die Simulation
Bild 2: Das der Simulation zugrunde gelegte Modell
(Bild: Dr. Martin Schulz)
In einem ersten Schritt wurde ein für die Simulationssoftware taugliches 3D-Modell des Aufbaus entworfen, dargestellt in Bild 2. Um Simulationszeit zu sparen ist es üblich, nicht mehr Elemente als zwingend notwendig einzubringen und Symmetrien zu nutzen. Eine Vereinfachung besteht also darin, zunächst nur einen der beiden Chips zu simulieren und davon auszugehen, dass sich die Verlustleistung gleichmäßig auf beide Bauelemente verteilt.
Bild 3: Das Modell und die Simulationsergebnisse
(Bild: Dr. Martin Schulz)
Da der Chip sowohl in X- als auch in Y-Richtung symmetrisch ist, kann eine weitere Vereinfachung erfolgen, die darin besteht, nur eine Hälfte oder sogar nur ein Viertel der Chipfläche zu betrachten. Man entschied sich für die Berechnung mit der halben Chipfläche, bzw. eines Viertels des Halbleitermoduls, und das zugrunde liegende Modell in Bild 3.
Aus der Simulation und dem gezeigten Ergebnis ergab sich, dass das Bauteil „eine Chiptemperatur“ von 160°C erreicht und daher für den geplanten Einsatz eher nicht in Betracht komme. Eine genaue Betrachtung zeigt aber Schwachstellen in der Simulation und der Interpretation der Ergebnisse auf.
1) Es wurde nur der Chip als Wärmequelle simuliert. Die aufgelötete Kupferplatte und der Verbindungsclip sind nicht Teil der Simulation. Der Clip stellt aber einen thermischen Pfad mit erheblichem Querschnitt zur Verfügung, dessen zweiter Fuß auf einer gut gekühlten Fläche montiert ist. Der sich daraus ergebende Abfluss von Wärmeenergie wurde vernachlässigt.
2) Der Übergangswiderstand des thermischen Interface-Materials – der Wärmeleitpaste – ist wenig genau bekannt und sein Einfluss auf die Chiptemperatur ist erheblich. Die Annahme einer homogenen Schichtdicke mit einem homogenen Wärmeleitwert nach Datenblatt des Wärmeleitmediums liefert üblicher Weise kein realitätsnahes Ergebnis.
3) „Die Chiptemperatur“ wurde hier nicht korrekt ermittelt und stattdessen von einem Maximalwert in der Mitte des Chips ausgegangen.
Alle drei Faktoren beeinflussen die Simulation in der gleichen Richtung, hin zu einer zu konservativen Aussage.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group GmbH & Co. KG, Max-Planckstr. 7-9, 97082 Würzburg einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Bereits eine Korrektur in der Betrachtung der Chiptemperatur liefert eine Entlastung [Referenz zum Artikel: Das Mysterium Chiptemperatur]. Die sogenannte virtuelle Chiptemperatur Tvj ergibt sich aus einer Mittelung der Temperatur in der Chipmitte und eine Ecke. Aus dem Daten der Simulation reduzieren sich die 160°C bereits zu Tvj= (2·TMitte+TEcke)/3=(320+130)°C/3=150°C.
Der Einfluss der fehlenden Metallteile kann auf ca. 5% Temperaturhub veranschlagt werden, ein ähnlicher Wert gibt sich für das Wärmeleitmaterial. Statt 95K Hub der Simulation nur 55K? Selbst eine Reduktion des Temperaturhubes um nur 10K brächte den Halbleiter ja schon in die gewünschte Situation.
Die Wirklichkeit
Um eine belastbare Antwort zu finden, wurde der Halbleiter auf ein Kühlsystem montiert und mittels einer Spannungsquelle bestromt, die bei einer Ausgangsspannung von maximal 10 V einen einstellbaren Strom von bis zu 1000A liefern kann. Eine IR-Kamera oberhalb des Halbleiters liefert die gewünschten Daten.
Bild 4: Aufbau zur thermischen Messung am Leistungshalbleiter
(Bild: Dr. Martin Schulz)
Da der Versuch unter Einsatz von Schutzkleinspannung erfolgt sind keine aufwändigen Schutzmaßnahmen notwendig, wie sie beim Arbeiten an hoher Spannung sonst zwingend erforderlich sind. Der Aufbau ist in Bild 4 abgebildet.
Bild 5: Infrarot-Aufnahme des Testaufbaus (DUT)
(Bild: Dr. Martin Schulz)
Die Messung erfasst den Strom, die Spannung an den Bauelementen und deren Temperatur im eingeschwungenen Zustand, der sich wegen der Flüssigkühlung bereits nach wenigen Sekunden einstellt. Bild 5 ist ein Bild der IR-Kamera, aufgezeichnet bei einem Strom von 500 A.
Die Messung wurde in 50 A-Schritten von 0-500A ausgeführt und die gewonnenen Daten in Bild 6 zusammengefasst. Die Datenreihe DTvj=f(ID) war eine erste Abschätzung des Temperaturhubes gegenüber der als konstant angenommenen Kühlkörpertemperatur.
Bild 6: Die aufgezeichneten Messwerte der Infrarotkamera
(Bild: Dr. Martin Schulz)
Der Aufbau enthält aber eine Adapterplatte zur Montage des Halbleiters. Diese bringt ihrerseits einen weiteren Temperaturhub ein. Zur Korrektur kam daher die Temperatur der Adapterplatte, ebenfalls im Bild ermittelt, zur Berechnung der korrigierten Datenreihe DTvj_corrected=f(ID) zum Einsatz.
Aus der abgeschlossenen Messung geht hervor, dass der Halbleiter in der Applikation einen Temperaturhub von deutlich unter 60K erfährt, die Schätzung von 55K war also eine tatsächlich gute.
Das Fazit
Simulation, richtig gefüttert und richtig interpretiert, ist für Ingenieure ein hervorragendes Werkzeug, ohne kostspielige Experimente ein noch nichtexistierendes System zu betrachten. Ist man sich der Schwachstellen und Stolperfallen bewusst, lassen sich Ergebnisse kritisch betrachten.
Mit größer werdendem Erfahrungsschatz und wiederholter Optimierung durch Abgleichen der Simulation an gemessenen Ergebnissen werden auch Simulationen immer präziser und die Differenz zum Messergebnis kleiner. (jw)
* Dr. Martin Schulz ist Global Principal Application Engineer bei Littelfuse Europe.