Fachkräfte- und Nachwuchsmangel Wen überrascht’s? Anteil der Babyboomer in Mangelberufen hoch – auch in der Elektrotechnik

Von Susanne Braun 4 min Lesedauer

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Als Angehörige zur Babyboomer-Generation werden vom deutschen Statistikamt Destatis all diejenigen gezählt, die 2023 55 Jahre oder älter waren. Und die Statistiken zeigen, dass sich die Personalsituation in der kommenden Dekade in Berufen verschärft, die jetzt schon unter Nachwuchs- und Fachkräftemangel leiden, auch in der Elektrotechnik.

Sollten in den nächsten Jahren nicht viele Bus- und Straßenbahnfahrer nachrücken, könnte sich auf die Verfügbarkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln auswirken.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Sollten in den nächsten Jahren nicht viele Bus- und Straßenbahnfahrer nachrücken, könnte sich auf die Verfügbarkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln auswirken.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Bereits jetzt suchen etwa die Personalverantwortlichen von öffentlichen Verkehrsmitteln händeringend nach Nachwuchs und Arbeitskräften, die Busse und Bahnen steuern. Die Gastronomie sucht ebenso nach Personal wie Transportunternehmen, der Verkauf von Fleischwaren, der Metallbau, das Maurerhandwerk oder die Elektrotechnik. In enorm vielen Branchen in Deutschland ist das Personal knapp.

Das sagt wenig über die Unattraktivität eines Berufes aus, sondern mehr darüber, dass sich die Gesellschaft weiter zu einer entwickelt, die vornehmlich digitale Dienstleistungen anbietet. Doch es gibt eben Dienstleistungen, die nicht im virtuellen Raum, sondern im alltäglichen Leben stattfinden. Allerdings wird der Städter nicht auf den ÖPNV wechseln, wenn Busse, Trams und andere Angebote nicht fahren. Anderes Beispiel: Nicht nur als Kunde der Briefpost, sondern in allen Lebenslagen muss man sich darauf einstellen, dass die georderte Ware etwas länger unterwegs sein könnte. Und zwar nicht nur wegen des Verkehrskollapses auf deutschen Autobahnen und maroder Infrastruktur, sondern auch, weil es einen Mangel an Berufskraftfahrern gibt.

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Öffentlicher Verkehr: Personal händeringend gesucht

Dass sich am Nachwuchs- und Fachkräftemangel zeitnah etwas ändern wird, ist unwahrscheinlich. Das Problem: Viele Branchen, Gewerke und Industrien ächzen bereits jetzt darunter, dass das qualifizierte Personal oder das Interesse der Jugend fehlt. Wie wird das erst in zehn Jahren aussehen? Das deutsche Statistikamt Destatis vermeldet basierend darauf wenig Erbauliches. „Anteil der Babyboomer in vielen Mangelberufen überdurchschnittlich hoch“ hieß es in einer Pressemitteilung vom 13. Januar 2025.

Das genannte Extrembeispiel lässt ahnen, wohin die Reise in der Zukunft geht – oder eben, in diesem speziellen Fall, nicht. Denn 44 Prozent der Menschen, die Busse und Straßenbahnen lenken und steuern dürfen, waren im Jahr 2023 55 Jahre oder älter. Müssen wir uns deswegen von der Mobilitätswende verabschieden? Denn eine Säule unseres Wegs hin zu einem prima Klima ist neben dem Umstieg auf den elektrifizierten Individualverkehr, der ja immer noch kritisch beäugt wird, auch der Umstieg vom privaten auf den öffentlichen Verkehr.

Wie soll das gelingen, wenn nicht nur das Geld für die überholbedürftige Infrastruktur fehlt, sondern auch das Personal, um diese Infrastruktur zu betreiben? Schaut man sich nur den ÖPNV an, dann mögen sich Fahrzeuge, Straßen, Trassen, Haltestellen und Bahnhöfe in einem besseren Zustand befinden, als etwa bei der Deutschen Bahn. Geächzt wird von den Verkehrsgesellschaften dennoch über Minusgeschäfte. Dann werden eben die Preise erhöht.

Aber in vielen deutschen Städten hat die Preisgestaltung nicht mehr viel mit der Vorstellung der Bundesregierung von der Rolle des ÖPNV zu tun. „Die öffentlichen Verkehrsmittel leisten einen unentbehrlichen Beitrag zur Mobilitätsversorgung der Gesellschaft und sozialen Teilhabe“, sagt der Bund. Sonderlich viel soziale Teilhabe ist nicht möglich, wenn eine einfache Fahrt mehr als drei Euro kostet. Und von der ÖPNV-Versorgung in ländlichen Gegenden brauchen wir gar nicht erst anzufangen. Doch es knackt und kracht auch an anderen Stellen gewaltig.

Güter stehen still

Nach den Bus- und Straßenbahnfahrern ist der von Destatis als Nächstes genannte Berufszweig der der Berufskraftfahrer. 39 Prozent von ihnen waren im Jahr 2023 55 Jahre oder älter. Sprich: Sie werden innerhalb der nächsten zehn, elf Jahre in Rente gehen. Wundert sich da noch jemand, dass Pakete nicht mehr, wie einst versprochen, am nächsten Tag auf der Matte stehen? Dass im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe sorgfältig abgewägt wird, ob man sich wirklich von der Lagerhaltung trennen möchte? Denn das Volumen an benötigten Transportdiensten wird in den kommenden Jahren ganz bestimmt nicht geringer. Drohnendienste sind indes bisher nicht weitverbreitet einsetzbar, um einen Mangel an Kraftfahrern und ihrer Arbeit abzufedern. Man könnte natürlich aufs Gleis ausweichen … ach, da war ja was.

Auf den nächsten Rängen der Destatis-Statistik der „abhängig Beschäftigte ab 55 Jahren nach ausgewählten Engpassberufen 2023“ folgen der Verkauf von Fleischwaren (36 Prozent), Gartenbau (34 Prozent), Straßen- und Tunnelwärter (33 Prozent). Vermessungstechnik, das Maurerhandwerk, Fleischverarbeitung und technische Servicekräfte in Wartung und Instandhaltung warten allesamt mit 30 Prozent abhängig Beschäftigten über 55 Jahre auf.

Demografie in der Elektrotechnik fast im Durchschnitt

Da können wir fast darüber freuen, dass der Prozentsatz im Mangelbereich Elektrotechnik „nur“ bei 27 Prozent liegt. Der Durchschnitt durch alle Berufe selbst liegt zwei Prozent darunter, bei 25 Prozent. Einen Grund zum Durchatmen gibt es allerdings nicht. Der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel ist real, und wenn Überalterung dafür sorgt, dass wir in spezifischen Berufsbereichen einen Personalmangel und damit einen Mangel an Leistung zu erwarten haben, kann niemand damit zufrieden sein.

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Umso wichtiger ist die Nachwuchsförderung. Tun Sie aktiv etwas dafür? Haben Sie Ideen, wie Sie womöglich an jüngere Generationen herantreten können? Oder begegnen Sie den Herausforderungen auf andere Weise? Wer sich übrigens für von Engpässen betroffene Branchen interessiert, kann auch einen Blick in die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit werfen. (sb)

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