Leistungselektronik-Schaltungen richtig auslegen Mit interaktiven Datenblättern zur effektiven MOSFET-Analyse

Von Stein Nesbakk* 6 min Lesedauer

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Interaktive Online-Datenblätter für Leistungs-MOSFETs basieren auf elektrothermischen Modellen der Bauteile. Mittels virtueller Schieberegler können Entwickler mehrere Parameter ihrer Schaltung variieren und die Auswirkungen auf den Arbeitspunkt des Bauelements sofort evaluieren.

Mittels Schiebereglern können Entwickler in den interaktiven Datenblättern von Nexperia die Parameter ihrer Anwendungsschaltung einstellen und die Auswirkungen auf das Bausteinverhalten direkt ablesen.(Bild:  Nexperia)
Mittels Schiebereglern können Entwickler in den interaktiven Datenblättern von Nexperia die Parameter ihrer Anwendungsschaltung einstellen und die Auswirkungen auf das Bausteinverhalten direkt ablesen.
(Bild: Nexperia)

Sucht ein Entwickler nach dem passenden MOSFET-Bauteil, ist das Datenblatt meist die erste Anlaufstelle. Doch dieses ist oft umfangreich und umständlich, daher kann das Auffinden und Interpretieren der benötigten Informationen knifflig sein: Bedeutungen der angegebenen Parameter sind in den Datenblättern nur selten erläutert – und das, obwohl selbst geringfügige Unterschiede in ihrer Auslegung eine entscheidende Rolle für das Verhalten eines Bauteils in einer Anwendung spielen können.

Zudem gibt das Datenblatt Parameter normalerweise nur für typische Betriebsbedingungen an, das Bauteilverhalten in alternativen Szenarien lässt sich häufig nur erahnen. Also verwenden Applikationsingenieure bei Halbleiterherstellern viel Zeit darauf, die Entwickler bei der Durchführung von Berechnungen und der Interpolation von Datenblattgrafiken zu unterstützen.

Um diese Situation zu verbessern, hat Nexperia interaktive Datenblätter für seine Leistungselektronikkomponenten entwickelt. Mit diesem Tool können Entwickler die Abhängigkeit mehrerer Parameter untereinander gleichzeitig visualisieren und schnell feststellen, wie sich ein Bauelement in einem gewünschten Betriebspunkt verhält. Innovativ sind diese interaktiven Datenblätter, weil sich die Parameter dynamisch in Echtzeit an die kundenspezifischen Anwendungen anpassen lassen, und der Bedarf an komplexen Berechnungen und Interpolationen erheblich abnimmt.

Den Berechnungen in den interaktiven Datenblättern liegen von Nexperia entwickelte elektrothermische Modelle zugrunde. So lässt sich das thermische Verhalten von diskreten MOSFET-Bauelementen schnell, aber vor allem präzise über den gesamten Betriebstemperaturbereich hinweg ermitteln.

Dieser Beitrag gibt anhand einer Reihe praktischer Szenarien und mithilfe der neuen interaktiven Datenblätter Einblick in das Verhalten von MOSFETs.

Szenario 1a: MOSFET RDS(on) bei 25°C, VGS = 10 V

Bild 1: In einem Standarddatenblatt kann der Wert für den typischen On-Widerstand RDS(on) an einem spezifischen Arbeitspunkt direkt aus der Tabelle entnommen werden.(Bild:  Nexperia)
Bild 1: In einem Standarddatenblatt kann der Wert für den typischen On-Widerstand RDS(on) an einem spezifischen Arbeitspunkt direkt aus der Tabelle entnommen werden.
(Bild: Nexperia)

Ein Entwickler möchte den RDS(on) eines MOSFET für VGS = 10 V bei einer Sperrschichttemperatur Tj von 25 °C wissen. Das Ablesen aus einer Tabelle in einem Standarddatenblatt ist einfach, dort ist der typische Wert für RDS(on) = 4,8 mΩ aufgeführt. (Bild 1). Das interaktive Datenblatt von Nexperia für denselben Baustein enthält Schieberegler, die auf einen gewünschten MOSFET-Betriebspunkt eingestellt werden können (Bild 2). In diesem Datenblatt wird ein Wert von RDS(on) = 4,13 mΩ angegeben. Nach Abgleich mit den gemessenen Werten in einer realen Anwendung zeigt sich, dass dieser zweite Wert genauer ist.

Bild 2: Im interaktiven Datenblatt lässt sich der gewünschte MOSFET-Arbeitspunkt per Schieberegler einstellen und der dort zu erwartende RDS(on)-Wert ablesen.(Bild:  Nexperia)
Bild 2: Im interaktiven Datenblatt lässt sich der gewünschte MOSFET-Arbeitspunkt per Schieberegler einstellen und der dort zu erwartende RDS(on)-Wert ablesen.
(Bild: Nexperia)

Die Diskrepanz zwischen den beiden Werten entsteht, weil der typische Wert aus dem traditionellen Datenblatt nicht unbedingt den Mittelwert darstellt. Im Gegensatz dazu beruhen die elektrothermischen Präzisionsmodelle, die den interaktiven Datenblättern zugrunde liegen, auf Bauteilen, die das mittlere Verhalten darstellen. Das interaktive Datenblatt verhält sich also wie eine einfache grafische Benutzeroberfläche (GUI) zur Anzeige der Daten, welche die elektrothermischen Modelle von Nexperia erzeugen. Auf diese Weise kann das interaktive Datenblatt das MOSFET-Verhalten anzeigen und den RDS(on) für den mit den Schiebereglern ausgewählten Betriebspunkt dynamisch und nahezu sofort berechnen.

Szenario 1b: MOSFET RDS(on) bei 100°C, VGS = 10 V

Bild 3: Aus diesem Diagramm mit dem "normierten RDS(on)-Faktor als Funktion der Sperrschichttemperatur" lässt sich mittels Peilung ein ungefährer Wert für 100 °C ablesen.(Bild:  Nexperia)
Bild 3: Aus diesem Diagramm mit dem "normierten RDS(on)-Faktor als Funktion der Sperrschichttemperatur" lässt sich mittels Peilung ein ungefährer Wert für 100 °C ablesen.
(Bild: Nexperia)

Als nächstes möchte der Entwickler für dasselbe Bauteil den Wert von RDS(on) bei 100°C Sperrschichttemperatur herausfinden. Ein Standarddatenblatt erfordert die Suche über mehrere Seiten, um das Diagramm mit dem temperaturnormierten RDS(on) zu finden (Bild 3). Nun zieht der Anwender mit Hilfe eines Lineals eine vertikale Linie vom Wert 100 °C auf der x-Achse bis zum Schnittpunkt mit der Kurve und von dort horizontal auf den Skalierungsfaktor an der y-Achse von etwa 1,45. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass bei diesem „Ablesen“ des Werts aus der Kurve verfahrensbedingt ein gewisser Spielraum besteht. Multipliziert man nun den gefundenen Wert 1,45 mit dem (typischen) RDS(on), erhält man einen ungefähren Wert von RDS(on) = 7 mΩ. Bei Verwendung eines interaktiven Datenblatts muss der Anwender lediglich den Schieberegler für die Sperrschichttemperatur Tj auf 100°C stellen und kann direkt RDS(on) = 5,63 mΩ ablesen. Dieser Wert ist wiederum ein genauerer und realistischerer Wert, den ein Schaltungssimulator unter Verwendung der elektrothermischen Modelle des Bausteins berechnet hat.

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Szenario 1c: MOSFET RDS(on) bei 100°C, VGS = 5 V

Der Entwickler möchte nun den RDS(on) des Bauteils für VGS = 5 V ermitteln, ebenfalls bei 100°C. Leider ist es in diesem Fall unmöglich, diesen Wert aus einem Standarddatenblatt zu gewinnen – unabhängig vom Hersteller. Verwendet der Entwickler jedoch ein interaktives Datenblatt, muss er nur den VGS-Schieberegler auf 5 V stellen und dann den Wert für RDS(on) = 10,4 mΩ ablesen, um die gewünschte Information zu erhalten.

Szenario 1d: Untersuchung der Temperaturabhängigkeit

Bild 4: Das interaktive Datenblatt erlaubt die gleichzeitige Untersuchung der Auswirkungen von Gatespannung und Temperatur auf das MOSFET-Verhalten.(Bild:  Nexperia)
Bild 4: Das interaktive Datenblatt erlaubt die gleichzeitige Untersuchung der Auswirkungen von Gatespannung und Temperatur auf das MOSFET-Verhalten.
(Bild: Nexperia)

Nun soll die Temperaturabhängigkeit des MOSFET untersucht werden. Der Entwickler stellt den Schieberegler VGS auf 4 V und liest den entsprechenden Wert von RDS(on) = 107 mΩ ab. Dies entspricht den Erwartungen, da der Widerstand sowohl mit sinkender Gate-Source-Spannung als auch mit steigender Temperatur zunimmt. Als nächstes wird der Schieberegler auf 140°C gestellt, nun fällt aber der Wert für RDS(on) auf 83 mΩ (Bild 4). Auch wenn dies auf den ersten Blick nicht intuitiv erscheint, ist das Verhalten auf den negativen Temperaturkoeffizienten der MOSFET-Schwellenspannung zurückzuführen, den die elektrothermischen Modelle mit dem im interaktiven Datenblatt angegebenen Wert genau erfassen. Dieses Verhalten wäre anhand der Angaben in einem Standarddatenblatt kaum ableitbar. In einem anderen Szenario könnte es auch erforderlich sein, die Auswirkungen einer Änderung von Id zu untersuchen, was mit interaktiven Datenblättern ebenfalls möglich ist.

Szenario 2: PTOT

Bild 5: Aus dem Graph mit dem „normalisierten Verlustleistungs-Derating als Funktion der Montagebasistemperatur“ lässt sich mittels Peilung ungefähr bestimmen, bei welcher Temperatur der Montagebasis 40 W abgeführt werden können.(Bild:  Nexperia)
Bild 5: Aus dem Graph mit dem „normalisierten Verlustleistungs-Derating als Funktion der Montagebasistemperatur“ lässt sich mittels Peilung ungefähr bestimmen, bei welcher Temperatur der Montagebasis 40 W abgeführt werden können.
(Bild: Nexperia)

Ein Konstrukteur möchte wissen, bei welcher Temperatur der Montagebasis ein Bauteil 40 W Verlustleistung (PTOT) abführen kann – unter der Annahme idealer Bedingungen, das heißt eines unendlich großen Kühlkörpers mit maximaler Wärmeleitfähigkeit. Bevor er ein Standarddatenblatt zu Rate zieht, muss der Konstrukteur zunächst den Faktor für das Derating der maximalen Verlustleistung berechnen, der in diesem Beispiel 40 W/68 W ≈ 60 % beträgt. Anschließend müsste die Seite im Datenblatt gefunden werden, die ein Diagramm der normierten Gesamtverlustleistung in Abhängigkeit von der Temperatur der Montagebasis zeigt (Bild 5). Durch horizontale Übertragung (manuell mit einem Lineal) von 60% auf der y-Achse mit der Derating-Leistung (Pder) zum Schnittpunkt mit dem Graphen und dann vertikal zur x-Achse erhält man den Wert für die Temperatur der Montagebasis (Tmb) von 80°C.

Bild 6: Aus dem interaktiven Datenblatt lässt sich die Temperatur der Montagebasis (Tmb) direkt ablesen.(Bild:  Nexperia)
Bild 6: Aus dem interaktiven Datenblatt lässt sich die Temperatur der Montagebasis (Tmb) direkt ablesen.
(Bild: Nexperia)

Im Vergleich hierzu muss der Konstrukteur bei Verwendung eines interaktiven Datenblatts hingegen nur den Schieberegler mit dem Wert der Temperatur Tmb verstellen, bis rechts im Feld die gewünschte Verlustleistung von 40 W angezeigt wird – wie in Bild 6 gezeigt, ist der Wert für Tmb in diesem Beispiel gleich 85°C.

Weitere Szenarien: Qg(tot), Qgs, Qgd und mehr

Werte für Größen wie Qg(tot), Qgs oder Qgd liefert ein typisches herkömmliches Datenblatt lediglich für ganz bestimmte ID-, VDS- und VGS-Parameter, was jedoch kein weiteres Verständnis für deren Schwankungen beim Schalten bietet. Solche Schwankungen oder das Verhalten des Bauteils bei variierenden Parametern lässt sich normalerweise nur durch eine Simulation der Anwendung mit einem SPICE-Tool herausfinden. Ein Prozess, der Zeit und ein gewisses Maß an Kenntnissen im Umgang mit Software für die Schaltungssimulation erfordert.

Call for Papers: Leistungselektronik Forum

Als Teil der Dachveranstaltung „Power of Electronics“ wird das Leistungselektronik Forum am 11. September 2024 in Würzburg erneut ein attraktives Programm mit Beiträgen aus Forschung, Entwicklung und Anwendung bieten. Praxiserfahrene Referenten sind aufgefordert, komplexes interdisziplinäres Wissen und aktuelle Erkenntnisse rund um die Leistungselektronik zu vermitteln.

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Mit interaktiven Datenblättern entfällt diese Notwendigkeit, da die Anwender die Betriebsbedingungen einer Anwendung eingeben und die Leistungsverluste direkt berechnen können. Dadurch können Entwickler die Betriebsparameter fein abstimmen und die Anwendungsvoraussetzungen schnell anpassen, was den iterativen Prozess hin zu einem endgültigen Entwurf erheblich beschleunigt.

Fazit

Für Hersteller ist es unmöglich, eine vollständige Liste von Bausteinparametern für jedes Szenario bereitzustellen, dem ein MOSFET in einer Anwendung begegnen kann. Das bedeutet, dass sie solche Informationen nur für typische Betriebsbedingungen bereitstellen können. Darüber hinaus sind viele Parameter dynamisch und miteinander verbunden, aber diese Beziehungen können mit einem zweidimensionalen Standarddatenblatt schwer zu erkennen sein.

Die interaktiven Datenblätter von Nexperia stellen eine völlig neue und mehrdimensionale Methode dar, um Entwicklern zu helfen, zu verstehen, wie sich ein MOSFET unter untypischen Betriebsbedingungen verhalten könnte. Unter Beibehaltung des vertrauten „Look and Feel“ eines Standarddatenblattes bieten sie eine benutzerfreundliche Schnittstelle, die interaktiv und dynamisch Parameterwerte als Reaktion auf veränderte Benutzereingaben berechnet. (cg)

* Stein Nesbakk ist Marketing Engineer bei Nexperia

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